Anarchie!

Wie steht’s mit den Begrifflichkeiten?

‚an-archia‘ kommt aus dem Griechischem und bedeutet ‚keine Herrschaft‘. Der Begriff Anarchismus wird seit Jahrhunderten negativ belegt. So findet sich heute noch im Duden dieser Absatz als Erklärung: „Chaos in rechtlicher, politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher Hinsicht“. Zusätzlich wird dann oft von einem ‚Werteverfall‘ gesprochen, der dazu führt, dass alle Menschen in Angst und Schrecken leben müssen. Ob Anarchismus das wirklich heißt und ob Angst nicht bereits heute viele Menschen begleitet, müsst ihr für euch selbst entscheiden.

Viele Anarchist*innen wählten trotzdem andere Bezeichnungen wie Mutualismus, Kollektivismus oder (Anarcho)Syndikalismus. Sicher stehen hinter diesen Bezeichnungen auch bestimmte Ausprägungen des Anarchismus, jedoch sind sie alle auf ihn zurückzuführen.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich zusätzlich die Bezeichnung „libertär“ durch. Sie ist vom französischen liberté (Freiheit) abgeleitet.

Auf welche Autor*innen wird sich in der anarchistischen Theorie bezogen?

Die anarchistische Theorie ist nicht in sich geschlossen und unveränderlich (dogmatisch). Sie wird immer wieder ergänzt und überarbeitet. Kritik und Reflexion sind fester Bestandteil der Theorie, daher wird sie als undogmatisch verstanden.

Im Anarchismus gibt es nicht ‚die‘ großen und einzigen Theoretiker*innen, auch wenn wir immer wieder von prominenten Vertreter*innen, wie Bakunin oder Kropotkin hören. Die anarchistische Theorie entstand immer auch aus der Praxis und so waren viele ‚Theoretiker*innen‘ ebenfalls aktive Revolutionär*innen. Das ist in vielen Texten zu merken, die sich oft wie Redebeiträge von Demos anhören. Die anarchistische Theorie wurde aber auch von Autor*innen beeinflusst, die mehr dem literarischen Schreiben zugeordnet werden, wie beispielsweise George Orwell oder Leo Tolstoi.

Hier eine kleine Auswahl an Autor*innen:
Bakunin, Kropotkin, Proudhon, Malatesta, Mühsam, Rocker, Goldman, Durruti (Achtung: einige der Autor*innen vertreten antisemitische und FLGBTI*-feindliche Thesen – wir lehnen dies ab und sind froh, dass die anarchistische Theorie und fast alle ihrer Anhänger*innen das überwunden haben!)

Wenn ihr gern etwas mehr über Anarchismus lesen möchtet, empfehlen wir die Anarchistische Bibliothek.

Was wollen Anarchist*innen?

Um es kurz zu fassen:
Gleiche Freiheit für jeden Menschen in der Gesellschaft. Kein Mensch soll Herrschaft ausüben. Alle Beschlüsse werden kollektiv gefasst und umgesetzt.

Und was muss auf dem Weg passieren?
- Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise
- Abschaffung des Staates, seiner Grenzen und seiner Verwaltung
- Bekämpfung des Rassismus und Kolonialismus (1) in all seinen Formen (zum Beispiel Imperialismus (2), Neoliberalismus, Europäische Union etc.)
- Abschaffung von Kirchen und Religionen, als Vermittler*innen der Rechtmäßigkeit von Herrschaft
- Abschaffung von Armee und Polizei
- Abschaffung des Strafprinzips
- Abschaffung des Privateigentums an Menschen (beispielsweise Ehe) und der bestehenden, unterdrückenden Sexualmoral (beispielsweise Diskriminierung von LGBTI* (3))

Welche Kritik haben Anarchist*innen an den bestehenden Verhältnissen/Theorien?
(exemplarisch an 3 Punkten)

Kritik am Staat

Jeder Staat wird als totalitär (4) empfunden, da er immer die Unterwerfung, der in ihm lebenden Menschen bewirkt und freie Tätigkeit unterdrückt.

Wie ist das gemeint?

Nehmen wir die BRD als Ausgangspunkt der Überlegungen. In Deutschland gibt es verschiedene Gesetze und Traditionen, die uns vorgaukeln frei zu sein. Allen wird erzählt sie könnten in ihrem Leben werden, was sie wollen. Jedoch ist das was du werden kannst ganz klar definiert. Du darfst Bäcker*in oder Mathematiker*in werden, du darfst Mutter oder Vater werden (aber bitte nur, wenn du heterosexuell und mit dem ‚richtigen‘ biologischen Geschlecht geboren wurdest), du darfst in deiner Freizeit zum Fußball gehen oder auf Konzerte. Es gibt also mehr sowas wie eine Auswahl zwischen Lebensentwürfen innerhalb derer du wählen darfst.
Das wird dir bereits während deiner Erziehung klar gemacht, zu Hause, in der Kita, in der Schule, in der Ausbildung oder an der Hochschule. Überall bist du mit Autoritäten konfrontiert, die dein Bestes wollen und dir klar machen, dass nur sie wissen, was das sein soll. Die meisten von uns lernen das zu glauben, was man dann Autoritätsgläubigkeit nennt. Außerdem vermitteln sie dir noch Konkurrenzdenken, Leistungsdenken und das es eben deine einzige Möglichkeit ist zwischen den genannten Lebensentwürfen zu wählen. Und im Notfall gibt es ja noch Polizei und Knast, um dir klar zu machen, wo es lang geht. Auf der anderen Seite kannst du so auch ein entspanntes Leben führen. Die Volksgemeinschaft nimmt dich in ihre ‚Mitte‘ und du darfst mit ihr gemeinsam auf all die Anderen einschlagen, die euch so ‚bedrohen‘.
In den meisten Fällen ist die Konsequenz daraus, dass du dich anpasst.
Dein Denken bewegt sich nur noch in diesen gebotenen Schranken und du verlierst die Gabe eigene Ideen, fern der vorgeschriebenen Wege, zu entwickeln. Du bist nun Teil der Volksgemeinschaft und Solidarität mit Anderen ist nicht mehr nötig. Deine Unterwerfung und die Unterdrückung deiner freien Tätigkeit ist abgeschlossen.

Kritik an der bürgerlichen Demokratie (Parlamentarismus)

Für Anarchist*innen hat die bürgerliche Demokratie nichts mit der Idee von Demokratie gemeinsam. Für sie ist die bürgerliche Demokratie gleichbedeutend mit Parlamentarismus.
Parlamentarismus ist eine Herrschaftsform, da hier die Menschen nicht selbst über ihr Leben entscheiden können. Sie geben die Verantwortung für Entscheidungen an Parteien und Politiker*innen ab, die ihnen vorgesetzt werden und losgelöst von den Menschen über diese Macht ausüben.
Die Konsequenz daraus ist, dass aus der heutigen ‚Demokratie‘ (Parlamentarismus) keine Änderung hin zur Freiheit und zu anarchistischen Lebensweise möglich sein wird. Die bestehenden Parteien und Mächtigen in den Verwaltungen (u.a. Polizei, Ausländerbehörde, Jobcenter usw.) werden für ihren Machterhalt kämpfen.
Dabei verfolgen sie verschiedene Strategien. Erst wird versucht widerständige Menschen auf die eigene Seit zu bringen. Entweder durch das Versprechen von mehr Macht und/oder finanzieller Anreize oder indem widerständiges Handeln einfach in die eigene Gesellschaft integriert wird. Das kann beispielsweise durch die Integration von Subkulturen in den Alltag passieren. Dann werden auf einmal aus alternativen Kiezen Touristenattraktionen oder bei Media-Markt gibt es den Anarchie-Button zu kaufen. Sollten diese Versuche scheitern bleibt immer noch staatliche Repression in Form von (Polizei)Gewalt, Knast, Abschiebung, Diskriminierung und vielem mehr bis hin zum Ausschalten von widerständigen Menschen.
Daher sehen Anarchist*innen den einzigen Weg in die Freiheit durch die soziale Revolution und die damit verbundene Abschaffung der Verhältnisse, sowie die grundlegende Veränderung der Gesellschaft.

Kritik am autoritärem Sozialismus/Kommunismus

Anarchist*innen hatten es nie leicht mit Anhänger*innen des autoritärem Sozialismus/Kommunismus. Wie unten in den Beispielen für anarchistische, soziale Revolutionen beschrieben, waren autoritäre Kommunist*innen oft Gegner*innen, obwohl auch die anarchistische Theorie Ansätze des Sozialismus/Kommunismus enthält. Anarchist*innen teilen die Analyse des Kapitals (historischer Materialismus) von Marx, allerdings stellt sie nur einen kleinen Teil ihrer Kritik an den bestehenden Verhältnissen dar. Aus ihrer Sicht ist die dogmatische Geschichtsdeutung nur anhand des historischen Materialismus zu wenig. Sie betont die Ökonomie über und vernachlässigt Themen wie Erziehung, Justiz und Verwaltung. Sie kümmert sich nicht um den Überbau des Staates und vergisst den revolutionären Moment und die damit verbundenen Bewegungen und Menschen. Autoritäre Sozialist*innen/ Kommunist*innen haben einen genauen Fahrplan für die Revolution. Sie glauben der Staat muss übernommen statt zerschlagen werden. Hierfür gibt es dann Parteien, die selbst Gefahr laufen autoritär zu sein und sich dann verselbstständigen. Damit wird genau die selbe Unterdrückung und Machterhaltung reproduziert, die eigentlich zerschlagen werden müsste. Die Befreiung der Menschen würde vergessen werden und eine neue Herrschaft entstehen. Ein trauriges Beispiel hierfür ist die Sowjetunion.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Anarchist*innen haben dafür kein Patentrezept oder festen Fahrplan. So sollten auch die nächsten Schritte mehr als Vorstellungen und Erfahrungen gelesen werden.
Aber warum misstrauen sie den ‚festen Lösungen‘?
“ Wenn der Entwurf der neuen Gesellschaft bis in alle Einzelheiten von Menschen gemacht wird, die noch der alten Gesellschaft angehören, wird dieses Modell immer dem Keim des Alten in sich tragen, der mit der Zeit wieder hervorbrechen und das Neue überwuchern kann. Demnach ist es für eineN RevolutionärIn, der diesen Zusammenhang kennt, gradezu ein Verbrechen, einen genauen ‚Fahrplan‘ für die Revolution und die neue Gesellschaft auszuarbeiten.“
(Revolutionsbräuhof (RBH): Was ist eigentlich Anarchie? Eine Einführung in den Anarchismus. Anarchistische Buchhandlung Wien)

Hier findet sich die Kritik am Staat (s.o.) wieder. Menschen, die in einem totalitären Staat aufgewachsen sind, haben diesen verinnerlicht und wurden ihrer freien Ideen beraubt. Daher besteht die Gefahr, dass diese immer wieder zu einem totalitären Staat zurückkehren, ohne dies immer zu wissen/merken. Daher muss das Alte komplett überwunden werden, wenn etwas Neues entstehen soll. Dieser Prozess wird über Generationen dauern, aber im revolutionären Kampf werden sich erste Veränderungen in den Menschen entwickeln. Die Erfahrungen zeigen, dass Solidarität und Hilfe dann erlebbar werden und es einen fließenden Moment gibt. Deshalb wird bei der anarchistisch motivierten Revolution auch von der sozialen Revolution gesprochen, weil sie nicht nur die bestehenden Verhältnisse (wie den Kapitalismus) abschaffen will, sondern auch eine soziale Veränderung (Abschaffung von Staat, Polizei, Justiz aber auch Etablierung einer anderen Form der Erziehung) in der Gesellschaft vorantreibt.

Vor der Revolution

In der Vorbereitung der sozialen Revolution ist es nötig, dass Zellen und Gruppen möglichst effektiv auf diese hinarbeiten. Dies sollte durch Aufklärung, Agitation (5) und erfolgreichem revolutionärem Handeln erfolgen. Was folgt, ist der revolutionäre Kampf, der gewalttätig sein wird. An dieser Stelle dürfen wir uns keine naiven Hoffnungen machen, denn die Mächtigen werden ihre Macht mit allen Mitteln gegen uns verteidigen. Jedoch nur solange ihr Einfluss groß genug ist, denn wenn ihr Einfluss schwindet werden auch die Gegner*innen der Veränderung weniger werden.
Wichtig dabei ist, dass trotz der großen Herausforderung und dem zunehmenden Druck durch staatliche Repression keine zentralen, diktatorischen Strukturen einstehen. Anarchist*innen praktizieren deshalb das Prinzip der Anwesenheit des Ziels in den Mitteln. Das heißt, dass in allen Aktivitäten das Ziel, also Freiheit, Grundlage für die Handlungen und Organisation ist.

Zur Zeit Bakunins (1814 – 1876) fiel die Wahl der Organisation auf Geheimbünde, da die Feindschaft und Bekämpfung des Anarchismus so stark waren. Allerdings hatte diese Organisationsform das Problem nur mit wenigen Menschen in Kontakt kommen zu können.

Von 1900 bis zum 2. Weltkrieg war der Anarchosyndikalismus die beliebteste Organisationsform. Hierbei organisierten sich die Menschen in großen Gewerkschaften, die revolutionäre Ziele vertraten, von unten nach oben organisiert waren und dezentral aufgebaut waren.

Nach der Revolution

Das Zusammenleben nach der sozialen Revolution unterscheidet sich in einigen grundsätzlich Dingen vom Heutigen. Wenn die oben genannten ‚Probleme‘ abgeschafft werden, ergeben sich neue Formen des Zusammenlebens.
Anarchist*innen bevorzugen das Leben in selbst gewählten Gemeinschaften. Alle können sich entscheiden mit wem und wie lange zusammen gelebt wird. In diesen Gemeinschaften stellen die Zusammenlebenden ihre Regeln gemeinsam auf, respektieren aber die Grundsätze von Solidarität und Hilfe.
Da die Abschaffung von privatem Eigentum an Menschen und die damit verbundene Sexualmoral entfällt, können die Gemeinschaften die herkömmliche Familie ersetzen. Alle fühlen sich für Kinder oder Ältere verantwortlich, nach dem Prinzip der Hilfe und Solidarität. Ob nun aber die Zahnbürste geteilt wird oder doch alle eine eigene haben, kann die Gemeinschaft selbst entscheiden. Persönliche Vorlieben, wenn es beispielsweise um Essen oder die Wohnform (Haus, Bauwagen, Zelt usw.) geht, werden durch die Bedürfnisproduktion (s.u.) abgedeckt. Alle können im Rahmen der gemeinsamen Solidarität und Hilfe so leben wie sie es möchten. Durch die gleiche Versorgung aller mit Waren wird Konkurrenzdenken aufgehoben. Alle bekommen das selbe angeboten, wodurch keine*m unfreiwillig weniger zu Verfügung steht als anderen. Natürlich hat diese Form des Lebens auch seine Grenzen. Es muss gemeinsam festgelegt werden, welcher Lebensstandart für alle erarbeitet werden sollte und das muss auch gemeinsam getragen werden.

Die Organisation der Gesellschaft stellen sich Anarchist*innen in der Selbstverwaltung durch Räte vor. Räte gab es schon immer, vor allem dann, wenn sich die unterdrückten Menschen in großen Gruppen gegen das herrschende System auflehnten. Sie sind damit die ‚Erfindung‘ der revolutionären Menschen. Es gab sie bereits in der französischen Revolution von 1789, in der Pariser Commune von 1871, in der russischen Revolution von 1905, aber auch in den späteren Geschichte wie 1969 in Italien und 1971 in Polen tauchten sie wieder auf. In ihnen spiegelt sich auch das Prinzip der Anwesenheit der Ziele (s.o.) wieder.
Räte können sowohl geographisch als auch sachlich organisiert sein. Beispielsweise in einem Stadtteil oder Region und/oder zum Thema Arbeit, Frauen oder Produktion. Die Teilnahme und Mitarbeit an ihnen ist freiwillig, jedoch gelten ihre Entscheidungen nur für die Anwesenden (beim heutigen technischen Stand muss damit nicht zwangsläufig körperlich gemeint sein), genauso wie ihre Erfolge. Dabei ist jeder Rat autonom (unabhängig). Wenn eine Organisation in größeren Zusammenhängen nötig wird, werden Delegierte gewählt. Bei der Wahl können alle Teilnehmenden sich wählen lassen (passives Wahlrecht) und selbst wählen (aktives Wahlrecht).
Die Delegierten werden nur für kurze Zeit und problembezogen eingesetzt. Das heißt, wer sich am besten auskennt wird auch gewählt. Dabei werden die Delegierten oft gewechselt, um allen die Möglichkeit zu geben die Erfahrung zu machen. Die Delegierten bekommen dann einen klaren Auftrag und Handlungsanweisungen vom Rat und müssen diese dann auch vertreten. Im Nachhinein sind sie dann Rechenschaftspflichtig gegenüber dem Rat und können bei Fehlverhalten sofort abgesetzt und neu gewählt werden.

Das ökonomische System der Anarchist*innen nach der sozialen Revolution orientiert sich an einer radikalen Kritik des Kapitalismus (hier folgen sie der Analyse von Marx). Grundsätzlich muss der Kapitalismus und die Klassengesellschaft abgeschafft werden. Danach organisieren sich die Arbeiter*innen selbst, wobei die wirtschaftliche Koordination nach dem Räteprinzip funktioniert. Es wird nur noch produziert, was gebraucht wird und die Arbeit so human wie möglich gestaltet. Hierfür wollen Anarchist*innen alle technischen Mittel, die zu Verfügung stehen, ausnutzen. Alle werden mit den produzierten Waren versorgt. Letztlich ist dann die Abschaffung von Geld nur noch ein logischer Schritt.

Die Arbeiter*innen-Selbstverwaltung wird in freien und gleichen Produktionsgemeinschaften organisiert. Das heißt, dass auch alle Arbeiter*innen die gleiche Anerkennung erfahren und ihre Arbeit die gleiche Wertigkeit hat. Diese Produktionsgemeinschaften sind dezentral und orientieren sich an den Bedürfnissen der Arbeiter*innen und der Verbraucher*innen. In der Produktion gibt es aber auch mehr als die Dinge, die vor Ort hergestellt werden können oder deren Rohstoffe aus verschiedenen Regionen kommen. Für diese Koordination werden Räte gebildet, die Transport, Rohstoffbeschaffung aber auch die Verteilung organisieren.

Die entsprechende Produktion nennt sich Bedürfnisproduktion. Sie bedeutet, dass nur das produziert wird was Alle zum Leben brauchen. Das schließt natürlich Vergnügen und Bequemlichkeiten nicht aus. Es muss beispielsweise nicht auf Autos verzichtet werden, aber es muss auch nicht jeder Mensch ein eigenes besitzen, wenn solche Waren geteilt werden können und wenn sie kaputt gehen, einfach ersetzt werden. Wegfallen können jedoch sinnlose Produktionen, wie Werbung, Verschließteile, Überproduktionen oder alles Militärische. Bei der Bedürfnisproduktion werden alle technischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse und Möglichkeiten genutzt, um so die Umwelt zu schützen und Arbeit soweit es geht zu reduzieren. Kommunistische Theoretiker*innen und Praktiker*innen gingen Anfang des 20. Jahrhunderts noch von 2 bis 3 Stunden ‚notwendiger Arbeit‘ am Tag aus. Nach den vielen technischen und wissenschaftlichen Fortschritten gehen einige heutige Anarchist*innen von einer ‚notwendigen Arbeit‘ von 5 Stunden in der Woche aus.

Arbeit hat sich nun schon durch die Selbstverwaltung und Bedürfnisproduktion verändert. Da nur noch das hergestellt wird, was wirklich nötig ist, verringert sich die Arbeitszeit enorm und natürlich auch weil Polizist*innen, Richter*innen und Verwaltungsmitarbeiter*innen nun sinnvolle Arbeit machen können. Auch der Druck, dass mit Arbeit möglichst viel Geld verdienen muss, entfällt. Durch die Verteilung der Waren nach den Bedürfnissen ist es nicht mehr nötig möglichst viel zu arbeiten und auch die gleiche Wertigkeit von Arbeit sorgt dafür, dass Arbeit nicht mehr zur Profilierung genutzt werden kann. Jede Arbeit ist wichtig, da sie die Gemeinschaft versorgt. In diesem Bewusstsein erscheint sie auch nicht mehr so sinnlos und die Abgrenzung von ‚Arbeit‘ und ‚Freizeit‘ löst sich langsam auf. Alle wissen, wofür sie arbeiten; für die eigenen Bedürfnisse und die der Freund*innen. Außerdem werden die Arbeitsplätze den Bedürfnissen der Arbeiter*innen angepasst. Nicht nur die Verkürzung der Arbeitszeit sondern auch die freie Einteilung von Zeit und Aufgaben gehören dazu. Zusätzlich sollen Arbeitsschritte wieder zusammengeführt werden. Kein Mensch muss mehr am Fließband stehen und 8 Stunden am Tag die selben Einzelteile zusammensetzen. Arbeiter*innen sollen bei ihrer Arbeit die Produkte entstehen sehen, damit wieder ein Sinn in der Tätigkeit entsteht und Langeweile sowie ungesunde Routinen verschwinden. Die Arbeit wird damit an die Menschen angepasst und nicht anders herum. Mit diesen Schritten soll die Entfremdung in der Arbeit aufgehoben werden und sie wieder als ein sinnvoller und gewollter Teil des Zusammenlebens erlebt werden. Wenn Menschen jedoch trotzdem nicht Arbeiten wollen, können sie nicht gezwungen werden, jedoch muss die Gemeinschaft in der sie leben dies mittragen.

Geld macht am Ende dieser Vorstellungen keinen Sinn mehr. Durch die grundsätzliche Versorgung aller Bedürfnisse macht es keinen Sinn mehr Geld anzuhäufen, da es nichts gibt, wofür es eingesetzt werden kann. Es macht keinen Sinn mehr Nahrung zu besitzen, als konsumiert werden kann und es macht auch keinen Sinn für ein Auto zu sparen, wenn dieses bereit gestellt wird. Letztlich ‚bezahlen‘ alle durch die eigene Arbeit, mit der die Versorgung Aller sicher gestellt wird.

Beispiele für anarchistische Kämpfe

In der heutigen Ukraine bildete sich nach der Februarrevolution 1917 in der Sowjetunion die anarchistische Bewegung der „Machnowschtschina“, die nach Nestor Machno benannt wurde. Zwischen 1918 und 1922 konnte die Bewegung zumindest beginnen eine anarchistische Gesellschaft aufzubauen und hatte dabei großen Rückhalt in der damaligen Bevölkerung. Jedoch befanden sie sich permanent im Partisanenkampf. Anfangs kämpften sie um ihre eigene Freiheit, später schlossen sie sich der Roten Armee an, um gemeinsam gegen die Weiße Armee zu kämpfen. Nach dem Sieg sollte sich die Bewegung jedoch auflösen und zu den Bolschewist*innen übertreten. Nachdem die Machnowschtschina dies verweigerten, wurden sie von der Roten Armee endgültig gewaltsam zerschlagen.

Als 1936 in Spanien das Militär unter Führung von Francisco Franco gegen die Regierung putschte, entwickelte sich der Widerstand im Nordosten des Landes. Dort schlossen sich Teile der Arbeiter*innen in anarchosyndikalistischen Gewerkschaften (insbesondere in der CNT) zusammen, um gegen Franco zu kämpfen. Während des Bürgerkriegs bis 1939 entwickelten sie trotz der Kampfsituation Anfänge einer anarchistischen Gesellschaft innerhalb der sozialen Revolution. Jedoch wurden sie nicht nur durch Franco, sondern auch durch die eigenen Mitstreiter*innen bekämpft. Die von Kommunist*innen dominierte Volksfrontregierung drängte die anarchistisch organisierten Arbeiter*innen zurück. 1939 war der Bürgerkrieg verloren.

Wie bewahren wir diese Gesellschaft?

Wie schon oben erklärt, trauen Anarchist*innen der sozialen Revolution aus ihrem Selbstzweck heraus nicht ganz. Sie erwarten, dass Menschen immer wieder in ihre alten Muster zurückfallen können. Aus diesem Grund haben sich viele Anarchist*innen Gedanken zum Thema ‚Erziehung‘ gemacht. Sie prägt Menschen entscheidend und muss den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Hier gibt es viele Ideen von der selbst verwalteten Schule bis zum Lernen als Dialog und nicht als Belehrung. Die Alternativen sind vielfältig und werden permanent diskutiert. Hier bräuchte es eigentlich einen eigenen Vortrag, um anarchistische Kritik am bestehenden ‚Erziehungssystem‘ und alternative Vorschläge zu besprechen.
Letztlich müssen Entscheidungen und Handlungen immer wieder geprüft und kritisch hinterfragt werden. Eine Weiterentwicklung in den verschiedenen Ebenen des gesellschaftlichen Zusammenleben ist jeder Zeit möglich und Organisationsprinzipien wie das Rätesystem können auch durch neue, praktikablere ersetzt werden. Was aber immer bleiben wird, sind die Prinzipien der Freiheit, Solidarität und Hilfe, die den Messwert darstellen.

Exkurs: Befreiung von Mensch und Tier?

Im Anschluss an den Input, der bereits währenddessen diskutiert und auf seine Verständlichkeit und Praxis geprüft wurde, kam noch das Thema Tierbefreiung auf. Hier sollen nur ein paar der besprochenen Diskussionspunkt angeführt werden.
Der Anarchismus sieht die Freiheit als Ausgangspunkt allen Handelns, aber was bedeutet das dann für das Verhältnis zu Tieren?
Es gab zwei unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Position Tiere in einer nach anarchistischen Werten (Freiheit, Solidarität, Hilfe) lebenden Gemeinschaft einnehmen. Grundsätzlich ist dies schwierig, da wir als Menschen letztlich die Entscheidungsgewalt haben und zumindest, was ein Zusammenleben angeht, Tiere nicht differenziert befragt werden können.Auf der einen Seite gab es das Gedankenexperiment, dass auch (Nutz-)Tiere in der Gemeinschaft leben und so ihren Beitrag nach dem Prinzip von Solidarität und Hilfe leisten könnten. Beispielsweise durch die angemessene Abgabe von Milch und Eiern, wenn der Mensch deren Futter anbaut. Voraussetzung ist jedoch, dass die Tiere durch den gemeinsamen (positiven) Kontakt gebunden werden.Auf der anderen Seite wurde überlegt, dass die Entnahme von Eiern und Milch gegen die Freiheit der Tiere verstößt oder verstoßen könnte (hier liegt es in der Sichtweise der Betrachtenden). Vorausgesetzt wird hier in einem wesentlich stärkeren Maße die Gleichwertigkeit von Mensch und Tier. Die Befreiung des Menschen ist nicht von der Befreiung des Tieres zu trennen.
Einig waren wir uns allerdings alle, dass die Priorität darauf gelegt werden muss, dass alle satt werden und damit der Konsum von Fleisch sich selbst ausschließt. Die Fleischproduktion verbraucht viel Wasser und Nahrung und führt damit zu einer Nahrungsmittelunterversorgung, die lediglich auf dem Luxus und dem Egoismus der Fleischkonsument*innen zurückzuführen ist. Das finden wir für unsolidarisch.

*Begrifferklärungen:

(1) Kolonialismus – das Bestreben eines Landes andere Länder (zumeist in Afrika, Asien u. Südamerika) unter dem Vorwand der Zivilisierung zu erobern und auszubeuten. Früher hießen diese Länder Kolonien. Heute heißt es Neokolonialismus und die betroffenen Länder sind ‚Handelspartner‘
(2) Imperialismus – die Absicht eines Landes, andere Länder zu unterwerfen und von sich wirtschaftlich und politisch abhängig zu machen
(3) LGBTI* – Lesbian, Gay, Bi, Trans, Inter und *weitere
(4) totalitär – in diesem Zusammenhang die Unterwerfung von Menschen und deren Tätigkeit unter ein vorgeschriebenes Ziel
(5) Agitation/agitieren – politisches Informieren, Schaffen von Bewusstsein bei und Aktivierung von ‚unpolitischen‘ Menschen